Reisewissen · 9 Min. Lesezeit

Der Meltemi erklärt: Der Sommerwind der Ägäis

Was ist der Meltemi, wie entsteht er, wann weht er - und was heißt das für Strand, Fähre und Inselwahl? Der große Erklär-Artikel zum Wind der Kykladen.

Es gibt einen Moment, in dem jeder Kykladen-Urlauber den Meltemi kennenlernt: Das Handtuch fliegt, der Sonnenschirm klappt, die Fähre am Nachmittag „verspätet sich“ - und am Himmel ist trotzdem keine einzige Wolke. Der Meltemi ist der Sommerwind der Ägäis: kein Sturmtief, kein Wetterumschwung, sondern ein fest eingebauter Bestandteil des griechischen Sommers. Wer ihn versteht, plant besser - und ärgert sich weniger. Hier ist alles, was du über ihn wissen musst.

Was ist der Meltemi?

Der Meltemi ist ein trockener, meist wolkenloser Nordwind, der im Hochsommer über die Ägäis weht - tagelang, manchmal über eine Woche am Stück. Er ist kein Unwetter: Es regnet nicht, es blitzt nicht, die Sonne scheint. Es weht nur. Und zwar ernsthaft: An kräftigen Meltemi-Tagen sind 6 bis 7 Windstärken normal, in Böen und Düsenlagen zwischen den Inseln auch mehr.

Der Wind ist so alt wie die Seefahrt in diesem Meer: Schon die Antike kannte ihn als die Etesien - die „jährlichen Winde“, die verlässlich jeden Sommer wiederkehren. Der heutige Name Meltemi kam später über das Türkische in den griechischen Sprachgebrauch. Beide Namen erzählen dasselbe: Dieser Wind ist keine Ausnahme, sondern Kalender.

Wie entsteht der Meltemi?

Die Kurzfassung: Der Meltemi ist Ausgleichsströmung zwischen zwei Druckgebieten, die im Hochsommer beide ortsfest sind. Über Südosteuropa und dem Balkan liegt hoher Luftdruck; über der Türkei und Vorderasien brütet die Sommerhitze ein flaches Hitzetief aus. Luft strömt vom Hoch zum Tief - und die Ägäis liegt genau auf diesem Weg. Weil sich das Hitzetief über Anatolien jeden Sommer neu bildet und das Hoch über dem Balkan gerne wochenlang bleibt, weht der Wind nicht als Ereignis, sondern als Zustand.

Dazu kommt die Geografie: Zwischen den Inseln wirkt die Ägäis wie ein System aus Düsen - in den Kanälen zwischen zwei Inseln beschleunigt der Wind spürbar über das freie Meer hinaus. Deshalb kann es auf der Fähre zwischen Paros und Naxos kräftiger wehen als an den Küsten beider Inseln, und deshalb sind Kaps und Inselenden die windigsten Orte überhaupt.

Übrigens: Das Prinzip ist dasselbe wie beim Azorenhoch - ein stabiles sommerliches Druckmuster, das einer ganzen Region ihr Wetter diktiert. Nur dass das Ergebnis hier nicht Wolkenstau heißt, sondern Wind.

Wann und wo weht er?

Wann: Die Meltemi-Saison reicht grob von Mai bis September, mit klarem Höhepunkt im Juli und August. Im Frühsommer sind es einzelne windige Tage, im Hochsommer windige Phasen von mehreren Tagen; im September klingt das System ab. Häufig frischt der Wind im Tagesverlauf auf und lässt zum Abend nach - verlassen kann man sich darauf nicht, auf offener See weht er auch nachts durch.

Wo: Das Kerngebiet ist die zentrale Ägäis - die Kykladen stehen mitten im Windfeld, auch die Ostägäis um Samos und die Dodekanes bekommen ihren Teil. Kreta liegt am südlichen Rand: Die Nordküste kriegt den Wind, die Südküste ist oft geschützt. Und die wichtigste Ausnahme: Das Ionische Meer - Korfu, Kefalonia, Zakynthos - liegt hinter dem griechischen Festland und bleibt vom Meltemi weitgehend verschont. Das ist der meteorologische Grund, warum wir windempfindlichen Reisenden für Juli und August die Ionischen Inseln empfehlen.

Was der Meltemi für deinen Urlaub bedeutet

Am Strand: Der Meltemi macht aus exponierten Nordküsten Sandstrahlanlagen - und lässt windgeschützte Südbuchten fast unberührt. Die Strand-Logik an Meltemi-Tagen ist simpel: Leeseite suchen, also die dem Wind abgewandte Küste. Auf fast jeder Insel gibt es beides; die Einheimischen wissen, wohin - fragen hilft.

Auf der Fähre: Bei kräftigem Meltemi wird es ruppig, und ab bestimmten Windstärken bleiben Schiffe im Hafen - kleine Schnellfähren und Katamarane zuerst, die großen konventionellen Fähren halten am längsten durch. Für die Reiseplanung heißt das: Im Hochsommer nie die letzte Fähre vor dem Rückflug nehmen, sondern mindestens einen Puffertag einplanen. Das ist der meistgegebene und meistignorierte Kykladen-Rat.

Für die gefühlte Temperatur: Der Meltemi ist auch ein Segen - er kühlt die Hitzespitzen, hält die Luft trocken und die Sicht glasklar. 33 Grad mit Meltemi fühlen sich besser an als 30 Grad Windstille mit Schwüle. Die Kehrseite: Man unterschätzt die Sonne. Der Wind kaschiert die Hitze, verdunstet den Schweiß und lässt den Sonnenbrand unbemerkt entstehen - Sonnenschutz und Wasser sind an windigen Tagen wichtiger, nicht unwichtiger.

Für Sportler: Für Windsurfer und Kiter ist der Meltemi der Grund, überhaupt zu kommen - Reviere wie Mikri Vigla auf Naxos, die Ostküste von Paros oder Prasonisi auf Rhodos leben von genau diesem Wind. Für Stand-up-Paddler gilt das Gegenteil: Ablandiger Wind treibt Boards schneller aufs offene Meer hinaus, als man paddeln kann - SUP an Meltemi-Tagen nur in geschützten Buchten, Luftmatratzen im Zweifel gar nicht.

Die Meltemi-Strategie in fünf Ansagen

  1. Windempfindlich? Ionisches Meer. Korfu, Kefalonia und Zakynthos sind im Juli und August die wind-entspannte Wahl - dieselbe Sonne, ein Bruchteil des Winds.
  2. Kykladen im Hochsommer? Leeseite wohnen. Unterkunft an geschützter Küste oder im Ortskern statt auf dem exponierten Hügel mit Panoramablick - der Blick ist den nächtlichen Windlärm nicht immer wert.
  3. Fährpuffer einplanen. Mindestens ein Puffertag zwischen letzter Inselfähre und Rückflug - im Juli und August keine Option, sondern Pflicht.
  4. Windvorhersage lesen wie Wettervorhersage. Windstärke und Böen gehören im Ägäis-Sommer zur Tagesplanung wie die Temperatur - eine Windvorhersage-App macht aus dem Meltemi eine planbare Größe.
  5. Den Wind einpreisen, nicht bekämpfen. Windtage sind Bootstage in geschützten Gewässern, Dorftage, Museumstage - oder die besten Strandtage deines Lebens, wenn du auf der richtigen Inselseite liegst.

Häufige Fragen

Was ist der Meltemi einfach erklärt?

Der Sommernordwind der Ägäis: eine trockene, wolkenlose Ausgleichsströmung zwischen dem Hoch über dem Balkan und dem Hitzetief über der Türkei. Er weht vor allem im Juli und August über die Kykladen - tagelang, bei strahlendem Sonnenschein.

Wann ist der Meltemi am stärksten?

Im Juli und August, oft mit Auffrischen im Tagesverlauf. Im Mai und Juni sind es einzelne Vorboten, im September klingt er ab.

Welche griechischen Inseln sind vom Meltemi betroffen?

Am stärksten die Kykladen (Mykonos, Paros, Naxos und Nachbarn), dazu die Ostägäis. Kretas Nordküste bekommt ihn ab, die Südküste weniger. Die Ionischen Inseln bleiben weitgehend verschont.

Fallen bei Meltemi Fähren aus?

Bei starkem Wind ja - zuerst kleine Schnellfähren, zuletzt die großen konventionellen Schiffe. Deshalb im Hochsommer immer mit Puffertag zum Rückflug planen.

Ist der Meltemi gefährlich?

Für den normalen Strandtag nicht - aber ablandiger Wind ist die relevante Gefahr: Luftmatratzen, SUP-Boards und schwache Schwimmer werden aufs offene Meer getrieben. An exponierten Stränden auf Flaggen und lokale Hinweise achten.

Kann man dem Meltemi im Sommer ausweichen?

Ja, auf zwei Wegen: geografisch (Ionisches Meer statt Ägäis) oder taktisch (windgeschützte Leeseiten der Kykladen-Inseln). Komplett windstill ist der Ägäis-Hochsommer nie - und das ist auch gut so.